Ich will Ich sein

Mein heutiger Beitrag handelt von einem Thema, mit dem ich mich seit mehreren Wochen schon intensiver beschäftige, dass mir in den letzten Tagen vermehrt untergekommen ist und das ich gerne mit euch teile.

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Im September habe ich mir das „F&A – Fragen und Antworten“ – Buch gekauft, in welchem ich täglich jene Frage, die für diesen Tag vorgesehen ist, beantworte. Am 26. März, also am Sonntag, lautete die Frage: „Du wärst so gerne wie …“. Wie immer fiel mir keine andere Person ein. Am Montag morgen hatte ich Uni und wir wurden angehalten, mit einem Partner, vom Professor bereits festgelegte Fragen, zu diskutieren, um die Anwendung der richtigen Zeiten (Englisch) zu praktizieren. Eine der ersten Fragen lautete: „Who did you want to be, who did you look up to/ was your role model and do you still want to be like this person?“ Auch hier fiel meine Antwort eher dürftig aus. Blöderweise wurde mir in der Gruppendiskussion vor allen Kursteilnehmern diese Frage auch gestellt – Improvisationskünste machten meine Antwort sogar glaubwürdig, denke ich jedenfalls.
Oft beantworte ich auch Fragebögen, die von Studenten für ihre Bachelor-/Masterarbeit ausgesendet werden. Viele, besonders die Fragen der Psychologie-Studenten, behandeln auch genau dieses Thema. Dabei denke ich mir immer wieder: Will die Gesellschaft, dass ich nicht mit mir zufrieden bin oder immer jemand anders sein will? Warum tauchen ständig Fragen auf, die die Existenz meines Individuums und Seins in Frage stellen?

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Bereits in der Schule drehte sich der Unterricht oft über Vorbilder und wer man gerne sein möchte. Nach zwei Minuten der 50-minütigen Unterrichtseinheit waren meine Gedanken überall woanders, als im Unterricht, da ich schlichtweg nie ein Vorbild hatte. Ich kann mich noch erinnern, als wir als Hausaufgabe einen Text über Vorbilder, Vorbilder generell, schreiben mussten, und am Ende erläutern sollten, wer unser Vorbild sei. Es war mir im Moment des Schreibens schon peinlich und im Nachhinein immer noch, da ich wusste, dass das was ich als „mein Vorbild“ schrieb, absolut nicht der Idee des Vorbildes entspricht, aber was hätte ich sonst schreiben sollen. Ich schrieb folgendes: „Mein Vorbild ist Terence Hill, da er so schöne blaue Augen hat.“ Aus der Situation rettete ich mich eventuell durch den noch später eingefügten Satz, „Außerdem ist er ein guter und erfolgreicher Schauspieler, der in seinem Leben schon viel erreicht hatte – das möchte ich auch einmal sagen können.“.

Ich „beneide“ Kinder im Kindergartenalter oftmals, da diese ihr Leben leben, wie es ihnen gefällt. Sie sind mit sich zufrieden, außer sie sind hungrig und bekommen dieses und jenes Geschenk nicht; Aber sie starten in den Tag hinein, ohne große Erwartungen und Vorstellungen und leben einfach. Sie machen aus jeder Situation das beste, so dass es für sie passt. Sie werden auch nicht ständig mit Fragen konfrontiert, die das eigene Individuum schmälern – „Wer willst du sein?“, „Wer ist dein Vorbild“, „Findest du nicht, dass deine Freundin diese Situation besser bewältigt hat?“.

Je älter wir werden, desto öfter stellt sich die Frage, was wir mit unserem Leben anfangen. Welche Ausbildung soll ich anfangen, muss ich an einen anderen Ort ziehen, bin ich eigentlich glücklich mit dieser Situation oder handle ich nach den Vorschriften der Gesellschaft?

Diese Fragen haben, finde ich, viel mit Selbstliebe zu tun. Bevor ich nicht glücklich und zufrieden mit mir selbst bin, kann ich auch keine rationalen Entscheidungen treffen. Wenn alles an mir schlecht ist, aber die Leben von anderen Personen, egal ob Bekannte, Verwandte, Freunde, oder auch Fremde, viel besser sind als das meinige, ständig die Frage auftaucht, „Wer willst du sein?“, kann ich keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Ich muss mich zuerst selbst lieben lernen, bevor ich mich der Frage stelle, was ich später machen möchte, nicht aber der Frage, „Wer/Wie will ich sein?“.

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Nicht nur das private und alltägliche Umfeld, also Schule/Uni/Arbeit tragen zu Selbstzweifel bei. Selbstzweifel durch bereits genannte Fragen, aber auch Konkurrenzdruck, welcher im Zeitalter der sozialen Medien verstärkt wird. Wir sehen andere, wie diese ein scheinbar besseres und glücklicheres Leben führen, wie diese hart trainieren (nicht nur physisch, auch geistig) und viel bessere Leistungen bringen. Wie diese viel besser aussehen, ein viel schöneres Zuhause haben, mehr Freizeit haben und, und, und. Dadurch verschlechtert sich das eigene Leben, wenn wir alles glauben was in den Medien dargestellt wird. Natürlich präsentieren sich Nutzer von sozialen Plattformen, Instagram, Facebook, Youtube & Co. von ihrer besten Seite und posten die schönen Momente oder Erinnerungen im Leben. Mache ich selbst ja nicht anders. Ich würde nicht ein Bild von mir mit geschwollenem, verweintem Gesicht posten oder ein Bild des Unfalls, der gerade vor mir passiert ist. Nein, ich würde ein Bild von mir posten, auf dem ich mich wohl fühle, glücklich bin und mich hübsch finde und auch nicht ein Bild eines Unfalls, sondern die schöne Häuserreihe mit den bunten Fassaden von nebenan, um anderen zu zeigen, wie schön es hier ist. Wir sollten uns nicht mit anderen vergleichen, schon überhaupt nicht in den Medien. Ein Bild kann zwar mehr als 1000 Worte sagen, aber es kann auch eine traurige Person als eine glückliche kaschieren und somit nicht ihre tatsächliche Lebenssituation widerspiegeln.

Ich beispielsweise lade viele Fotos von Essen hoch, das heißt nicht, dass das Salatbild meine ganze (Mittags-/Abend-) Mahlzeit dieses Tages ist. Es kann genauso gut nur die Beilage sein, oder der Salat, den ich vor zwei Wochen gegessen habe. Außerdem heißt es auch nicht, dass ich den ganzen Tag esse und Kommentare wie „wie kannst du soviel essen und trotzdem nicht dick sein?“ sind daher auch nicht real. Würde ich jedes Mal ein Foto posten, nachdem ich Sport gemacht habe, würden die Kommentare natürlich wieder anders ausfallen.

Medien können sehr leicht trügen und Nachrichten vermitteln, die nicht der Wahrheit entsprechen und somit das eigene Leben sehr leicht negativ beeinflussen, wenn wir uns nicht am Riemen packen und eingestehen, dass wir nicht alles glauben sollen, was wir sehen und somit andere Leben als etwas Besseres einstufen.

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Schwache Persönlichkeiten sind dafür natürlich anfälliger, dass sie schnell ein paar Vorbilder in der virtuellen Welt finden, die sie nicht kennen und die ein VIEL BESSERES LEBEN ALS DAS EIGENE HABEN. Das kann aber keiner so einfach sagen. Subjektiv mag das so scheinen, aber selbst wenn sie das „bessere“ Leben führen würden, würden sie nach zwei/drei Wochen nach einem wieder besseren streben. Meist sind sie unzufrieden mit sich selbst, da sie sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Da die Gesellschaft viel über Vorbilder spricht, ist es auch OK Vorbilder zu haben, solange das eigene Leben nicht zu Grunde geht und diese Vorbilder eher als Inspiration dienen. Die Aussage, „Ich habe kein Vorbild“, soll also nicht mit einem schiefen Gesicht beantwortet werden.

Oftmals stehen wir vor schwierigen Entscheidungen und schnell denken sich, v.a. schwächere Leute: „Person A müsste diese Situation sicher nicht durchmachen, denn entweder ihr Leben wäre überhaupt nicht zu diesem schwierigen Punkt gelangt oder sie hätten sowieso schnell eine Lösung getroffen.“ Aber so soll doch das Leben nicht funktionieren! Sollten wir nicht sagen können: „Ich stehe vor dieser Entscheidung, die ganz alleine mich betrifft, also werde ich das machen, wofür ich mich gewachsen und wohl fühle, und nicht wofür sich Person A entscheiden würde. Denn ich bin ich und nicht Person A, B oder C.“

Fragen wie, „Wer ist dein Vorbild?“, „Wer willst du sein?“, „Ist dein Leben besser als das von anderen?“, „Fühlst du dich minderwertig gegenüber anderen oder wie siehst du dich selbst in Relation zu anderen?“, machen mich immer und immer mehr zu einer selbstbewussteren Person. Früher war es mir unangenehm, solche Fragen zu beantworten, denn ich hatte immer die Scheu auszusprechen, dass ich kein Vorbild habe oder wie jemand anderes zu sein. Bis in die Pubertät war mir das eigentlich auch eher egal, dass viele wie Sänger D oder Schauspieler E sein wollten. In der Pubertät jedoch, nahm ich mir diese Fragen viel zu sehr zu Herzen und bezweifelte lange Zeit mein eigenes Leben, da ich offensichtlich anders war – anders im Sinne von nicht wissen, wer ich später sein will, was sicher auch mit dem Faktum zusammenhängt, dass ich nie viel fernschaute/ Serien schaute und auch spät ein Handy und noch viel später Internet bekam und meine Zeit sowieso lieber für andere Tätigkeiten bevor zog. Ich fühlte mich oft schlechter als andere, weil mir das nahezu eingebläut wurde.

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Heute stelle ich mir die Fragen, „Warum muss ich jemand anderes sein? Warum kann ich nicht ich sein? Warum ist es nicht akzeptabel, dass ich mit mir zufrieden bin, wie ich bin?“ Natürlich fällt es mir immer noch schwer, wie ich selbst am Montag auf der Uni gesehen habe, es zuzugeben, dass ich kein Vorbild habe, da ich gerne auch Fragen wie, „Was ist deine Lieblingsserie/Lieblingsfilm/Lieblingsschauspieler“, ausweiche – weil da oft als Folgefrage „Vorbild – ja/nein?“, kommt. Die Antwort, „Ich bin mit mir im Großen und Ganzen zufrieden, akzeptiere mich, meinen Körper, mein Aussehen, fast alle meine Schwächen, Stärken und meinen Charakter“, wird leider oft als egoistisch aufgefasst.

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Jeder ist egoistisch, in jeder Hinsicht zumindest ein bisschen. Ohne Egoismus auch keine Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Selbstbewusstsein. Trotzdem bringt „Egoismus“ immer einen Orkan an Negativität mit sich.

Fragen, wie ich sie in diesem Beitrag oft niedergeschrieben habe, haben sich in den letzten Wochen und Monaten sehr angehäuft.

Warum dreht sich alles um Vorbilder? Warum soll ich jemand Anderes sein wollen? Und warum soll ich einem anderen Leben nachstreben?

Warum lauten die Fragen nicht: Bist du zufrieden mit dir? Fühlst du dich wohl in deinem Körper? Bist du mit dir im Reinen? Bist du STOLZ auf dich?

Wer will ich also sein?

Ich will ICH sein! Ich will mich nicht mit anderen vergleichen müssen. Ich will an mir arbeiten, mich noch verbessern, über meine Schwächen und Fehler hinauswachsen, neue Ziele verfolgen, Pläne schmieden und auch meine negativen und unangenehmen Züge mit mir tragen können, ohne verurteilt zu werden. Ich will neues dazulernen, mir selbst zeigen, wie ich als mein eigenes Vorbild, ein tolles und rundum glückliches, gesundes Leben, mit einer guten „Work-Life-Balance“ leben kann. Ich will MEINE Hobbies und Interessen verfolgen, nicht die Hobbies von Person F.

Ich will ich sein, in meinem Körper, in meiner Haut, in meinem Zuhause.

Ich will ich sein, dort wo ich mich wohl fühle und mich akzeptieren darf.

Ich will ich sein – und mit diesen Worten wünsche ich euch noch einen schönen Mittwoch!
Eure Lisa!

PS: Erzählt mir doch gerne eure Ansicht zu diesem Thema, ob ihr Vorbilder habt oder nicht und wieso ihr diese habt oder eben nicht habt! Das würde mich wirklich interessieren.


2 Gedanken zu “Ich will Ich sein

  1. Ich stimme dir zu, was das Thema betrifft. Man sollte nicht einer Person nacheifern, nur weil sie z.B. so viel mehr Geld, als man selber besitzt, oder weil eine Freundin viel schöneres Haar hat, als man selber. Ich finde, dass Vorbilder etwas positives in einem erwecken sollten, etwas antreibendes, motivierendes. Für mich sollte die Frage nicht heißen „Wer willst du sein?“ sondern „Wie willst du sein?“, denn ein Vorbild ist ja nur deshalb ein Vorbild, da er/sie bestimmte Dinge besitzt, die man selber als positiv, erfolgsgebend und reizvoll sieht. Deshalb sollte man sich selber lieber fragen, wie man diese bestimmte Eigenschaft, die diese Person (das Vorbild) besitzt, in sich ebenfalls erweckt, um mit sich selber zufrieden zu sein. Wenn ich also jemanden bewundere, der so viel mehr Geld hat, als man selber, dann bewundere ich doch, wie er dazu gekommen ist und frage mich, wie ich mir diese Fähigkeiten selber aneignen kann, um den gleichen Effekt zu erlangen, in dem Fall: Geld.

    Das ist meine Meinung, zu dem Thema und wie ich das Thema sehe. Wahrscheinlich ist das erstmal schwer nachzuvollziehen, aber ich denke, dass wir sehr wahrscheinlich das selbe meinen.

    Du hast einen wundervollen, nachdenklichen und motivierenden Text geschrieben, den ich nur weiterempfehlen kann.

    Liebe Grüße 😉

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